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Ruth Lewin Sime
Lise Meitner. Ein Leben für die Physik.
Lange Zeit haben (feministische) Klagen über die Abwesenheit der Frauen in der Wissenschaftsgeschichte gleichsam zum guten Ton gehört. Ruth Lewin Sime, Professorin für Chemie an der California State University in Sacramento, sieht die Angelegenheit differenzierter. Hypatia, Laura Bassi, Caroline Herschel, Anne-Marie Lavoisier, Marie Curie, Sofia Kowalewskaja: Das sind die wenigen berühmten unter den vielen unbekannt gebliebenen Naturwissenschafterinnen. Die Gesetze des Prominentwerdens halten sich nicht an die Physik; ein verzerrtes Geschichtsbild und der sogenannte «Matthäus-Effekt» (gemäss dem die bereits Berühmten in eine exponentielle Aufmerksamkeitsspirale hineingeraten) tun ein Übriges, um zwischen «Stars» und «Randfiguren» zu polarisieren. Beinahe, aber nur beinahe, hätte es die Physikerin Lise Meitner geschafft, dieses Muster zu durchbrechen. Ruth Lewin Sime hat sich, wissenschaftshistorisch sattelfest, über Jahre mit dem frühen Erfolg und den jähen Brüchen im Leben der Lise Meitner beschäftigt. Sie zeigt die Wissenschafterin in ihrem fulminanten Werdegang: das Forschen und die Freundschaft mit Otto Hahn am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut, wo die doktorierte Physikerin ohne Bezahlung arbeitet, dies aber klaglos akzeptiert, denn sie kann zum ersten Mal frei experimentieren. Ihr Gebiet: die Radioaktivität. In den zwanziger Jahren erhält sie eine eigene Professur, Lise Meitners Ruf als Physikerin ersten Ranges ist unbestritten. 1938, nachdem sie als Jüdin in letzter Minute aus Berlin nach Holland hatte fliehen können, gelingt ihr in Stockholm der erste Nachweis der Kernspaltung – wofür Otto Hahn dann, acht Jahre später und allein, den Nobelpreis erhält (nur schon das vierzehnte Kapitel, in dem Ruth L. Sime die politischen Deliberationen des Nobelkomitees schildert, ist ein Wissenschaftskrimi erster Güte). 1968, wenige Tage vor ihrem 90. Geburtstag, stirbt Lise Meitner, vergessen, in den USA.
Insel, Frankfurt; 2001
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