Fortentwicklung organischer Aerosole in der Atmosphäre
Alternde Schwebteilchen erleichtern Klimaprognosen: Organische Aerosole aus unterschiedlichen Quellen beeinflussen das Klima auf ähnliche Weise - sie fördern vermutlich die Entstehung von Wolken.
Viele Ursachen, eine Wirkung - nach diesem Prinzip beeinflussen organische Schwebteilchen in der Atmosphäre vermutlich das Klima. Solche Schwebteilchen, Aerosole genannt, spielen bei der Bildung von Wolken und Niederschlag eine große, bislang aber nicht völlig geklärte Rolle. Doch organische Aerosole nehmen sehr ähnliche Eigenschaften an, wenn sie eine Weile in der Luft verweilen und dabei chemisch altern - egal ob es sich um organische Stoffe handelt, die Pflanzen, Dieselmotoren oder Industrieanlagen freisetzen. Das hat ein internationales Forscherteam, darunter auch Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, nun festgestellt. Die Forscher schließen daraus, dass die Aerosole auch auf ähnliche Weise ins Klima eingreifen. Das macht es leichter, ihren Beitrag in Klimamodellen zu berücksichtigen. Bislang gingen Klimaforscher davon aus, dass die Wirkung der Aerosole von ihrer Quelle und ihren chemischen Veränderungen in der Atmosphäre abhängt.
Abbildung 1: Messstation im Abendlicht: Am Taunus-Observatorium der Goethe-Universität Frankfurt untersuchen die Forscher des Max-Planck-Instituts für Chemie, wie die Nähe eines Ballungsgebietes die Luft verändert. Hier analysieren sie mit einem Massenspektrometer auch die organischen Komponenten von Aerosolen.
[Bild: Johannes Schneider / MPI für Chemie]
Neue Erkenntnisse machen Klimaforschern das Leben nicht immer leichter - im Gegenteil: Meist stellt sich mit jedem neuen Detail heraus, dass das Klima komplizierter ist als angenommen. Von daher haben die Wissenschaftler von fast dreißig Forschungseinrichtungen weltweit jetzt einen besonderen Grund zur Freude. Ihre Erkenntnisse vereinfachen die Lage nämlich ausnahmsweise. Die Forscher haben organische Aerosole von ganz unterschiedlichen Quellen analysiert. Dabei haben sie beobachtet, dass sich die Partikel anders als bislang angenommen in mancher Hinsicht ähneln. Vor allem in den Eigenschaften, die ihren Einfluss auf die Wolkenbildung und somit auf das Klima bestimmen. Und der könnte die Erderwärmung bremsen, weil die organischen Aerosole vermutlich die Bildung von Wolken fördern.
Das Forscherteam hat an 30 Messstationen in der nördlichen Hemisphäre die Zusammensetzung der Aerosole analysiert. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz steuerten dazu Analysen aus ihrer Heimatstadt und aus dem Taunus bei. Dort wie auch an allen anderen Untersuchungsorten fanden die Forscher in den Partikeln zwar unterschiedlich hohe Anteile an verschiedenen anorganischen Substanzen wie Sulfaten und Nitraten und organischen Stoffen. "Wir waren aber überrascht, wie sehr sich die organischen Bestandteile der Aerosole ähnelten, egal ob sie aus dem Zentrum von Mexiko City, einer Insel Japans, dem finnischen Wald oder den Schweizer Alpen stammten", sagt Jose-Luis Jimenez, Wissenschaftler an der Universität von Colorado in Boulder und Leiter des internationalen Teams.
Organische Stoffe machen je nach Messort 20 bis 90 Prozent aller Aerosole aus, die kleiner als ein Mikrometer sind. Die Schwebteilchen - nicht nur organische Partikel, sondern auch Ruß und anorganische Sulfat- oder Nitratteilchen - tragen zum einen zur Luftverschmutzung bei und verursachen vor allem in smog-geplagten Städten Erkrankungen der Atemwege. Zum anderen beeinflussen sie das Klima, weil sie Sonnenlicht reflektieren oder aufnehmen, und die Atmosphäre so kühlen beziehungsweise aufheizen. Zudem dienen sie als Kondensationskeime für Wolken- und Regentröpfchen. Wolken wiederum reflektieren Sonnenlicht und bremsen so die Erderwärmung. Bislang gingen Atmosphärenforscher davon aus, dass organische Substanzen in Aerosolen die Wolkenbildung nicht fördern. Doch das stimmt nicht, wie die neuen Ergebnisse zeigen.
In den Feldmessungen und Laborversuchen untersuchte das Team die organischen Komponenten eingehender. Demnach verwischen chemische Reaktionen in der Atmosphäre die Unterschiede, die zunächst zwischen den freigesetzten organischen Stoffen bestehen. "Den Einfluss der organischen Aerosole auf das Klima zu kalkulieren wird daher leichter", sagt Stephan Borrmann, Professor für experimentelle Meteorologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie: "Auch wenn sie ursprünglich aus unterschiedlichen Quellen stammen, haben am Ende wahrscheinlich alle einen sehr ähnlichen Effekt."
Und dieser Effekt dürfte klimafreundlicher sein als bislang angenommen. Denn wie die Forscher herausgefunden haben, entstehen dabei vor allem Stoffe, an denen Wolkentröpfchen besser kondensieren als an den Ausgangsstoffen. "Die organischen Aerosole tragen also womöglich mehr zur Wolkenbildung bei als wir bislang dachten", sagt Johannes Schneider, der am Max-Planck-Institut für Chemie an der Untersuchung mitgearbeitet hat.
Abbildung 2: Aerosole stammen
aus sehr unterschiedlichen Quellen. In der aktuellen
Untersuchung widmete sich ein internationales Team den
sekundären Aerosolen, die erst durch die chemische Umwandlung
flüchtiger organischer Verbindungen entstehen. Bei diesem
Alterungsprozess gleichen sich die Eigenschaften an, die für die
Klimawirkung der Schwebteilchen ausschlaggebend sind.
[Bild: Johannes Schneider / MPI
für Chemie]
Die organischen Substanzen, die zunächst in die Atmosphäre gelangen, sind so unterschiedlich wie ihre Quellen: Dieselfahrzeuge stoßen Reste von Treibstoff aus, Bäume setzen gasförmige Terpene frei, und aus Industrieanlagen entweicht noch eine Menge anderer Substanzen. Je länger sich diese Stoffe in der Atmosphäre befinden, desto stärker werden sie oxidiert. Dabei entstehen zwar je nach Ausgangsstoff andere Substanzen, in allen Reaktionsprodukten der Atmosphärenchemie steigt allerdings der Sauerstoffgehalt. Das führt dazu, dass die Verbindungen sich bevorzugt an vorhandenen Teilchen anlagern oder sogar neue Teilchen bilden. Dabei vermischen sie sich auch mit anorganischen Stoffen.
Am Ende kommen so Partikel heraus, die sich zumindest in ihren physikalischen Eigenschaften sehr ähneln. Und die sind für die Klimawirkung entscheidend - zum Beispiel für die Wolkenbildung: Die Forscher haben untersucht, wie gut die Partikel Wasser aufnehmen - je mehr Wasser sie aufsaugen, desto effektiver sollten sie als Kondensationskeime für Wolken und Regentropfen wirken. Maßgeblich dafür ist demnach ihr Sauerstoffgehalt, also wie stark sie bereits oxidiert wurden.
Dass die Partikel, die im Labor mehr Wasser aufnehmen, in der Atmosphäre tatsächlich auch zur Wolkenbildung beitragen, wollen die Forscher am Mainzer Max-Planck-Institut in weiteren Untersuchungen beweisen. "Wir wollen mit einem Forschungsflugzeug Wolkentröpfchen sammeln und analysieren, ob wir darin Aerosole mit einem hohen Anteil chemisch gealterter organischer Substanzen finden", sagt Johannes Schneider: "Erst dann wissen wir, ob diese die Wirkung haben, von der wir jetzt ausgehen." [PH]
Das Paul Scherrer
Institut gibt hierzu bekannt:
Rätsel geknackt: Wie Feinstaub erst in der Luft
entsteht
PSI-Forscher Urs Baltensperger (links) und
André Prévôt neben der Smogkammer des Instituts, in der Vorgänge in der
Atmosphäre simuliert werden.
[Foto: PSI/M. Fischer]
Das neue Massenspektrometer in der Messstation
auf dem Jungfraujoch
Foto: PSI
Forschende des Paul Scherrer Instituts, der
University of Colorado und 29 weiterer Forschungseinrichtungen aus
verschiedenen Ländern haben die Zusammensetzung der organischen
Anteile des Feinstaubs für verschiedene Regionen der Welt untersucht
und bestimmt, aus welchen Ursprungssubstanzen er sich jeweils bildet.
So konnte erstmals geklärt werden, welche Rolle einzelne Bestandteile
der Abgase für die Feinstaubbildung spielen.
Feinstaub macht krank und Feinstaub beeinflusst das
Klima. Dabei entsteht nur ein Teil des Feinstaubs unmittelbar bei der
Verbrennung von Treibstoffen oder Holz - der Rest bildet sich erst in
der Atmosphäre aus unterschiedlichen Substanzen, die zum Teil aus
Abgasen, aber auch aus natürlichen Quellen wie zum Beispiel Wäldern,
stammen. Forschende des Paul Scherrer Instituts, der University of
Colorado und 29 weiterer Forschungseinrichtungen aus verschiedenen
Ländern haben nun die Zusammensetzung der organischen Anteile des
Feinstaubs für verschiedene Regionen der Welt untersucht und bestimmt,
aus welchen Ursprungssubstanzen er sich jeweils bildet. So konnte
erstmals geklärt werden, welche Rolle einzelne Bestandteile der Abgase
für die Feinstaubbildung spielen. Die Untersuchungen dürften helfen,
in Zukunft gezielt die Feinstaubbildung zu vermeiden und dadurch unter
anderem zu besserer Luft in den Innenstädten beizutragen. Sie werden
auch eine wichtige Rolle für zukünftige Klimamodelle spielen. Die
Ergebnisse erscheinen am 11. Dezember im angesehenen
Wissenschaftsjournal Science.
Komplexe Vorgänge
in der Atmosphäre - aufs Wesentliche reduziert
Eine grosse Vielfalt an chemischen Vorgängen, bei
denen grössere Moleküle in kleinere zerfallen können oder sich kleine
Moleküle zu grösseren zusammenschliessen und an Feinstaubkörnchen
anlagern können, findet laufend in der Atmosphäre statt. Um die
wesentlichen Veränderungen der organischen Materie in der Atmosphäre
zu verstehen, ist es aber nicht nötig, jede einzelne der vielen
Tausend Substanzen zu verfolgen, die in der Luft enthalten sind. Wie
die Forschenden zeigen konnten, reichte es, wenige bestimmte chemische
Eigenheiten der Substanzen zu untersuchen, die für das Verhalten in
der Atmosphäre entscheidend sind. "Zum Beispiel ist das Verhältnis von
Sauerstoff- zu Kohlenstoffgehalt in einer Substanz wesentlich dafür,
ob diese Wasser aufnimmt und damit, ob die Feinstaubkörnchen Keime für
die Wolkenbildung sein können", erklärt André Prévôt, der das Projekt
federführend am Paul Scherrer Institut betreut.
Im PSI-Labor
Entstehung von Feinstaub nachgestellt
Die stete chemische Umwandlung in der Atmosphäre
führt auch dazu, dass der Feinstaub in fast allen Weltgegenden ähnlich
aufgebaut ist - unabhängig von den genauen Ausgangsstoffen. In ihrer
Arbeit zeigen die Forschenden, dass es dennoch möglich ist, die
Eigenschaften der Ausgangsstoffe aus dem Feinstaub zu rekonstruieren.
Dazu haben sie zuvor in der Smogkammer des Paul Scherrer Instituts die
Veränderungen einzelner Stoffe in der Atmosphäre simuliert. "Mit Hilfe
dieser Ergebnisse konnten wir mit einem aufwendigen statistischen
Verfahren bestimmen, welcher Art die Ausgangsstoffe waren, aus denen
der Feinstaub entstanden ist. Mit zusätzlichen Verfahren wie der
C14-Methode kann man dann auch die genauen Quellen bestimmen - ob zum
Beispiel die Substanzen aus dem Wald oder aus Abgasen stammen" erklärt
Urs Baltensperger, Leiter des Labors Atmosphärenchemie am Paul
Scherrer Institut.
Feinstaub an
verschiedenen Orten: Gefahr für die Gesundheit und Keim für die
Wolkenbildung
Die detaillierten Untersuchungen der
Feinstaubzusammensetzung machte ein neuartiges Gerät - ein spezielles
Massenspektrometer - möglich, mit dem man minutengenau die
Luftzusammensetzung bestimmen kann. Insgesamt haben die Forschenden an
26 verschiedenen Orten der Nordhalbkugel gemessen. Das PSI war für
zwei sehr verschiedene Orte in der Schweiz zuständig: die Zürcher
Innenstadt und das Jungfraujoch. Die Zürcher Messung war dabei vor
allem wegen des Einflusses von Abgasen auf die Gesundheit wichtig, die
Messung auf dem Jungfraujoch konzentrierte sich auf Fragen der
Wolkenbildung.
Die Arbeit der PSI-Forschenden wurde vom
Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstützt.
Quellen und Artikel:
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J. L. Jimenez, M. R. Canagaratna, N. M. Donahue, A. S. H. Prevot, Q. Zhang, J. H. Kroll, P. F. DeCarlo, J. D. Allan, H. Coe, N. L. Ng, A. C. Aiken, K. S. Docherty, I. M. Ulbrich, A. P. Grieshop, A. L. Robinson, J. Duplissy, J. D. Smith, K. R. Wilson, V. A. Lanz, C. Hueglin, Y. L. Sun, J. Tian, A. Laaksonen, T. Raatikainen, J. Rautiainen, P. Vaattovaara, M. Ehn, M. Kulmala, J. M. Tomlinson, D. R. Collins, M. J. Cubison, E., J. Dunlea, J. A. Huffman, T. B. Onasch, M. R. Alfarra, P. I. Williams, K. Bower, Y. Kondo, J. Schneider, F. Drewnick, S. Borrmann, S. Weimer, K. Demerjian, D. Salcedo, L. Cottrell, R. Griffin, A. Takami, T. Miyoshi, S. Hatakeyama, A. Shimono, J. Y Sun, Y. M. Zhang, K. Dzepina, J. R. Kimmel, D. Sueper, J. T. Jayne, S. C. Herndon, A. M. Trimborn, L. R. Williams, E. C. Wood, A. M. Middlebrook, C. E. Kolb, U. Baltensperger, and D. R. Worsnop: Evolution of Organic Aerosols in the Atmosphere. In: Science; Vol. 326. no. 5959, pp. 1525 - 1529, 11 December 2009 DOI: 10.1126/science.1180353 URL: direct link
-
Meinrat O. Andreae: A New Look at Aging Aerosols. In: Science; Vol. 326. no. 5959, pp. 1493 - 1494, 11 December 2009 DOI: 10.1126/science.1183158 URL: direct link
Das Paul Scherrer
Institut entwickelt, baut und betreibt grosse und komplexe
Forschungsanlagen und stellt sie der nationalen und internationalen
Forschungsgemeinde zur Verfügung. Eigene Forschungsschwerpunkte sind
Festkörperforschung und Materialwissenschaften,
Elementarteilchenphysik, Biologie und Medizin, Energie- und
Umweltforschung. Mit 1300 Mitarbeitenden und einem Jahresbudget von
rund 260 Mio. CHF ist es das grösste Forschungsinstitut der Schweiz.
Weitere Informationen:
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Forschungsartikel etc.): Siehe Menüleiste oben links