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Und sie existiert doch! Kohlensäuremoleküle wurden aus der Gasphase in einer festen Edelgasmatrix bei weniger als 10 K eingefangen und IR-spektroskopisch untersucht. Auch die 2H- und 13C-Isotopologe wurden vermessen, und daraus konnte das Vorliegen einer 1:10:1-Mischung von zwei Monomerkonformationen und dem ringförmigen Dimer (H2CO3)2 gefolgert werden. Diese Daten sind wertvoll, um gasförmige Kohlensäure im Weltraum aufzuspüren.
[Quelle: Angewandte Chemie, Wiley-VCH] |
Wer ein Mineralwasser mit Kohlensäure bestellt, der meint eigentlich ein Getränk, das Kohlendioxid enthält. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit war man sogar davon überzeugt, dass es Kohlensäure (H2CO3) als stabiles Molekül überhaupt nicht gibt. Inzwischen weiß man, dass in einem kohlensäurehaltigen Getränk doch Kohlensäure enthalten ist – allerdings nur in sehr, sehr geringer Konzentration. Bisher hat sich das Molekül den meisten Versuchen einer Isolierung und direkten Detektion entzogen. Als Festkörper konnte es jedoch bereits von einigen wenigen Wissenschaftlern erzeugt werden. Man nimmt zudem an, dass feste Kohlensäure in Zirrus-Wolken der Erdatmosphäre und im Weltraum vorkommt.
Die österreichischen Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass es auch gasförmige Kohlensäure gibt und dass sie bei Temperaturen bis –30 °C stabil ist. Für die Experimente wurde feste Kohlensäure durch Säure-Base-Reaktionen bei sehr tiefen Temperaturen erzeugt und dann bis auf –30 °C erwärmt. Die verdampfenden Moleküle wurden in einer Matrix aus dem Edelgas Argon eingefangen und wieder stark abgekühlt. So entsteht eine Art gefrorenes „Abbild“ der gasförmigen Kohlensäure, das die Forscher infrarotspektroskopisch untersuchen konnten.
Die Spektren zeigten, dass gasförmige Kohlensäure in drei verschiedenen Formen vorkommt. Die Wissenschaftler fanden zwei Monomere, die sich in ihrer Konformation, also der räumlichen Anordnung ihrer einzelnen Atome, unterscheiden, sowie ein Dimer aus zwei über Wasserstoffbrücken verbundenen Molekülen.
Die gewonnenen detaillierten spektroskopischen Daten sind von großem Interesse für die Astronomie, denn sie könnten den Nachweis gasförmiger Kohlensäure im Weltraum erleichtern, wo sie beispielsweise im Schweif von Kometen oder auf dem Mars vermutet wird.
Pressemitteilung der
Universität Innsbruck
Kohlensäure: Erstmals gasförmig isoliert
Wissenschaftler der Universität Innsbruck und
der TU Wien haben erstmals im Labor gasförmige
Kohlensäure hergestellt und isoliert. Die
Chemiker um Thomas Lörting (Innsbruck) und
Hinrich Grothe (Wien) konnten die gasförmigen
Moleküle mittels Infrarotspektroskopie exakt
charakterisieren. Die Ergebnisse wurden in der
Zeitschrift Angewandte Chemie International
Edition veröffentlicht.
Lehrbücher und Medien verbreiten es immer
wieder: Stabile Kohlensäure gibt es praktisch
nicht. Sie lasse sich in reiner Form nicht
erzeugen und zerfalle beim Verdampfen sofort in
Kohlendioxid und Wasser. Innsbrucker Chemiker um
Erwin Mayer (Institut für Allgemeine,
Anorganische und Theoretische Chemie) haben
dieses alte Dogma der Chemie schon vor einigen
Jahren umgestoßen. Sie gehören heute zu den
wenigen Wissenschaftlern weltweit, die reine
Kohlensäure im Labor herstellen können. Nun
haben sie erstmals auch gasförmige Kohlensäure
erzeugt und mit Unterstützung der
Forschungsgruppe um Hinrich Grothe von der TU
Wien die Moleküle auch nachgewiesen. „Die
Moleküle der Kohlensäure treten in der Gasphase
in drei unterschiedlichen Formen auf: entweder
als Dimer aus zwei Molekülen oder in zwei Arten
von Monomeren“, erläutert Thomas Lörting vom
Institut für Physikalische Chemie das Resultat
der aufwändigen Untersuchung.
Überraschendes Ergebnis
Für das Experiment wurde die Kohlensäure im
Labor an der Universität Innsbruck erzeugt und
in flüssigem Stickstoff gekühlt von Doktorand
Jürgen Bernard nach Wien transportiert. Am
Institut für Materialchemie der TU Wien wurden
die Proben dann bis auf minus 30 Grad Celsius
erwärmt. „Dabei gingen die Kohlensäuremoleküle
in die Gasphase über“, erklärt Lörting das
überraschende Ergebnis. Denn viele Experten
waren bisher davon ausgegangen, dass Kohlensäure
sofort in Kohlendioxid und Wasser zerfällt. Die
österreichischen Forscher haben die gasförmige
Kohlensäure in einer Matrix aus dem Edelgas
Argon gefangen und stark abgekühlt. „Dadurch
entstand ein gefrorenes Abbild der gasförmigen
Kohlensäure, das wir mittels eines evakuierbaren
und hochauflösenden Infrarotspektrometers an der
TU Wien untersuchen konnten“, erzählt Hinrich
Grothe. „Das dabei erzeugte Spektrum ist so
genau, dass wir die Spektrallinien den einzelnen
Schwingungen von einzelnen Molekülen zuordnen
konnten.“ Theoretische Unterstützung erhalten
die Chemiker bei den experimentellen Arbeiten
schon seit mehr als einem Jahrzehnt von der
Arbeitsgruppe von Klaus Liedl, die mittels
Computermodellen bei der Interpretation der
experimentellen Daten hilft. Weitere
Berechnungen wurden von Oscar Galvez vom CSIC
Madrid durchgeführt.
Infrarotspektrum für die Forschung
Das Experiment ist nicht nur für die
Grundlagenforschung von großer Bedeutung, es
liefert auch wichtige Daten für die Astronomie.
Der Nachweis von gasförmiger Kohlensäure in der
Atmosphäre von Himmelskörpern wird durch die in
der Studie veröffentlichten, sehr detaillierten
Spektren der gasförmigen Kohlensäure
erleichtert. „Die Bedingungen im Weltraum legen
es nahe, dass im Schweif von Kometen oder auf
dem Planeten Mars gasförmige Kohlensäure
gefunden werden müsste,“ erzählt Thomas Lörting.
„Allerdings sind die derzeit gemessenen
Infrarotspektren aus dem All noch zu ungenau, um
sie mit den Ergebnissen aus dem Labor wirklich
vergleichen zu können.“
Die Innsbrucker Chemiker um Lörting und Liedl
sind Mitglieder der Forschungsplattform
Material- und Nanowissenschaften der Universität
Innsbruck und wurden bei ihren Forschungen vom
österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und vom
European Research Council (ERC) unterstützt. Das
neue Infrarotspektrometer der Wiener Chemiker um
Grothe wurde vom materialwissenschaftlichen
Schwerpunkt der TU Wien finanziert. Die
Kooperation der TU Wien mit dem CSIC Madrid
wurde vom Österreichischen Austauschdienst (ÖAD)
unterstützt.