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Das Bild vom 9.3.2011 zeigt einen sehr stark reduzierten Ozongehalt in der Stratosphäre über der Arktis (violett und blaue Farben entsprechen sehr geringen Ozonkonzentrationen). Der Ozonabbau hat erst vor kurzem begonnen und wird sich in den nächsten Wochen weiter beschleunigen, solange der polare Wirbel stabil bleibt.
[Quelle: Dr. A. Dudhia, Univ. of Oxford / KIT] |
„Wissenschaftler des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung (IMK) des KIT bereiten schon seit Anfang Februar stratosphärische Ballonmessungen auf der ESRANGE-Basis in Kiruna (Nordschweden) vor“, erklärt Professor Dr. Johannes Orphal, Leiter des IMK, Bereich Atmosphärische Spurengase und Fernerkundung. „Bislang konnten die Höhenballons wegen der in diesem Jahr extremen Winde noch nicht starten. Diese schwierigen Messungen werden aber in den nächsten Wochen viele spannende Details über die in diesem Jahr sehr ungewöhnliche Atmosphäre über dem Nordpol enthüllen.“ An der Messkampagne sind zahlreiche Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich, Russland und den Niederlanden sowie die französischen Agenturen CNES und CNRS beteiligt.
Hintergrund
Das so genannte Ozonloch, eine starke Abnahme der Ozonschicht in der mittleren Atmosphäre – der Stratosphäre – in Höhen zwischen 10-50 km, ist ein atmosphärisches Phänomen, das Mitte der 1980er Jahre entdeckt wurde. In voller Ausprägung trat es bisher nur über der Antarktis auf, wo sich in den meisten Jahren ein sehr stabiler Polarwirbel, eine Kaltluftströmung, die um den Südpol kreist, ausbildet. Innerhalb dieses Wirbels herrschen sehr tiefe Temperaturen, die eine Voraussetzung für die Entstehung des Ozonlochs sind. Eine weitere Voraussetzung ist Chlor, das durch katalytische Prozesse für den Ozonabbau verantwortlich ist. Durch die von Menschen eingesetzten Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW’s) ist der Chlorgehalt in der mittleren Atmosphäre in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark angestiegen und wurde erst durch das Montreal-Protokoll 1989 eingedämmt.
Bei den tiefen Temperaturen im Polarwirbel entstehen in der Stratosphäre polare stratosphärische Wolken (PSC’s). An den Kristallen dieser Wolken wird Chlor aus so genannten Reservoirgasen, in denen es normalerweise chemisch inaktiv gespeichert ist, befreit und steht dann in reaktiver Form zur Verfügung. Sobald nach dem Polarwinter die Sonne aufgeht, setzt mit Hilfe von UV-Strahlung der katalytische Ozonabbau ein.
Über dem Nordpol bildet sich normalerweise kein stabiler Polarwirbel aus, da die ungleichmäßige Landverteilung die Strömungen stört. Deshalb gibt es auch keine ausreichend tiefen Temperaturen für die Entstehung der PSC’s und damit weniger reaktives Chlor.
In diesem Winter ist die Situation anders: Erstmals hat sich ein über einen langen Zeitraum stabiler Polarwirbel auch über dem Nordpol ausgebildet. Damit sind die Temperaturverhältnisse mit dem Südpol vergleichbar, es entstehen PSC’s, damit reaktives Chlor. Die Wissenschaftler erwarten ein Ozonloch, das in seinen Ausmaßen mit dem Ozonloch über dem Südpol vergleichbar sein könnte, zumal es derzeit noch keine Hinweise gibt, dass der Polarwirbel zusammenbricht.
Ob die starke Ausprägung des Polarwirbels in diesem Jahr ein zufälliges Ereignis ist oder mit dem Klimawandel zusammenhängt, ist derzeit noch offen. Hierfür sind umfangreiche Modellrechnungen notwendig.
Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und staatliche Einrichtung des Landes Baden-Württemberg. Es nimmt sowohl die Mission einer Universität als auch die Mission eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft wahr. Das KIT verfolgt seine Aufgaben im Wissensdreieck Forschung - Lehre - Innovation.
Pressemitteilung: AWI
Die Arktis steht vor einem Rekordverlust an Ozon
Arktisweite Messungen belegen
rasanten Abbau während der vergangenen Tage
Potsdam/Bremerhaven -
Ungewöhnlich tiefe Temperaturen im Bereich der
arktischen Ozonschicht führen dort aktuell zu
einem rasanten Abbau von Ozon. Die Arktis
steuert deshalb auf einen Rekordverlust des
Spurengases zu, das die Erdoberfläche vor der
ultravioletten Strahlung der Sonne schützt. Dies
belegen Messungen eines internationalen
Netzwerkes aus über 30 Ozonsondierungsstationen,
die über die gesamte Arktis und Subarktis
verteilt sind und von der Forschungsstelle
Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts für Polar-
und Meeresforschung in der
Helmholtz-Gemeinschaft (AWI) koordiniert werden.
„Unsere Daten zeigen, dass in den letzten
Wochen in dem für die Ozonkonzentration
entscheidenden Höhenbereich der arktischen
Atmosphäre bereits etwa die Hälfte des Ozons
zerstört wurde“, beschreibt AWI-Forscher Dr.
Markus Rex die gegenwärtige Lage. „Da die
Bedingungen für diesen ungewöhnlich starken
Ozonabbau weiter andauern, rechnen wir mit
weiteren Ozonverlusten in den nächsten Wochen.
“Die gegenwärtig zu beobachtenden Veränderungen
könnten sich auch außerhalb der dünn besiedelten
Arktis auswirken. Luftmassen, die dem
Ozonverlust über der Arktis ausgesetzt sind,
driften später oftmals südwärts. Durch die
verminderte UV-Schutzwirkung der ungewöhnlich
stark angegriffenen Ozonschicht können daher
einzelne Episoden hoher UV-Belastung auch in
mittleren Breiten auftreten. „Auf ausreichenden
Sonnenschutz ist daher in diesem Frühjahr
besonders zu achten“, empfiehlt Rex.
Zu Ozonabbau kommt es, wenn die Abbauprodukte
von menschengemachten
Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) durch große
Kälte in aggressive ozonzerstörende Substanzen
verwandelt werden. Bereits seit einigen Jahren
weisen die Wissenschaftler jedoch auch auf einen
Zusammenhang zwischen Ozonverlusten und
Klimaveränderungen hin. Im Bereich der
arktischen Ozonschicht hat die Häufigkeit kalter
Winter seit Mitte des letzten Jahrhunderts zwar
eher etwas abgenommen, die Bedingungen während
dieser kalten Winter sind aber immer eisiger
geworden und haben solch schwerwiegenden
Ozonverlust in der Arktis erst ermöglicht. „Der
aktuelle Winter setzt die Entwicklung fort, die
durchaus im Zusammenhang mit der globalen
Klimaerwärmung stehen kann“, erläutert
Atmosphärenforscher Rex einen nur auf den ersten
Blick paradox erscheinenden Zusammenhang.
„Vereinfacht gesagt halten steigende
Treibhausgaskonzentrationen die Wärmestrahlung
der Erde in tieferen Luftschichten zurück und
erwärmen diese. In der darüber gelegenen
Stratosphäre gelangt weniger der wärmenden
Strahlung, dort kommt es dann zu einer stärkeren
Abkühlung.“ Diese Abkühlung findet ausgerechnet
im Bereich der Ozonschicht statt und bewirkt
offensichtlich die nun beobachtete Verstärkung
des Ozonabbaus. „Die komplizierten Details der
Wechselwirkungen zwischen der Ozonschicht und
Klimaänderungen sind jedoch noch nicht
verstanden und Gegenstand aktueller
Forschungsprojekte“, so Rex. Die Europäische
Union finanziert diese Arbeiten im Projekt
RECONCILE, ein mit 3,5 Millionen Euro
unterstütztes Forschungsprogramm in dem 16
Forschungsinstitutionen aus acht europäischen
Staaten an einem verbesserten Verständnis der
arktischen Ozonschicht arbeiten.
Langfristig wird sich die Ozonschicht durch
umfangreiche umweltpolitische Maßnahmen zu ihrem
Schutz erholen. An dieser Erwartung ändert auch
der aktuelle, rekordverdächtige Ozonverlust
nichts. „Durch die langfristige Wirkung des
Montrealer Protokolls wird nennenswerte
Ozonzerstörung ab der zweiten Hälfte dieses
Jahrhunderts nicht mehr auftreten“, erläutert
Markus Rex. Das Montrealer Protokoll ist ein
1987 unter dem Dach der UNO verabschiedetes
internationales Abkommen zum Schutz der
Ozonschicht, welches inzwischen die Produktion
der ozonzerstörenden FCKW weltweit praktisch
verbietet. Die bereits freigesetzten FCKW werden
allerdings erst in vielen Jahrzehnten wieder aus
der Atmosphäre verschwunden sein. Bis dahin
hängt das Schicksal der arktischen Ozonschicht
wesentlich von der Temperatur in etwa 20 km Höhe
ab und ist damit an die Entwicklung des Klimas
gekoppelt.
Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der
Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren
sowie hohen Breiten. Es koordiniert die
Polarforschung in Deutschland und stellt
wichtige Infrastruktur wie den
Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in
der Arktis und Antarktis für die internationale
Wissenschaft zur Verfügung. Das
Alfred-Wegener-Institut ist eines der siebzehn
Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft,
der größten Wissenschaftsorganisation
Deutschlands.